Oder: Wie man es schafft, alle Figuren möglichst unharmonisch und/oder unentwickelt hinzustellen.
Es gibt ja durchaus das bekannte Phänomen, dass man gegen nominell bessere Spieler mitunter nicht nur überdurchschnittlich, sprich über der eigenen mathematischen Erwartung, scort, sondern auch wirklich besseres Schach abliefert als gegen nominell schwächer bewertete Spieler. Gründe dafür gibt es viele, vor allem Jonathan Rowson sei hier mal wieder wärmstens allen zur Lektüre empfohlen.
Dass man es allerdings aufgrund einer Kombination von richtig starkem Spiel des (natürlich!) jugendlichen Kontrahenten und eigener, völliger Unfähigkeit schafft, bereits nach nicht einmal 15 Zügen mit Mehrbauern (!) völlig scheisse zu stehen, ist mir so auch noch nicht passiert. Was war also passiert?
Tatort war das HSK Schachzentrum und das die dort stattfindende Klubmeisterschaft. Turnierklasse B3, Spieltag Nr.5. Ich selbst hatte bereits nach gespielten drei Runden zwei halbe Punkte liegen gelassen. Das zeigt von grosser Souveränität, insbesondere dann, wenn die Gegner 200-400 DWZ pro Partie weniger haben. Gute Form? Ach was. Die 2/3 könnten manche sogar als glücklich beschreiben - viel zu dementieren gäbe es da nicht. Und dabei hatte ich doch noch gar keinen der drei brandgefährlichen Jugendlichen in meiner Gruppe! So passte es gut ins Bild, dass ich krankheitsbedingt meine Partie der vierten Runde verlegen musste. Mit Anlauf dann zu einem starken Comeback in Runde 5? Nein, auf keinen Fall...
Man muss sich folgende Position einfach mal vergegenwärtigen:
Sander, Jean Louis (1864/
1816)-
Högy, Kevin (2146/
2166) HSK Klubturnier B3
Der Nachziehende hatte die Eröffnung schon mitunter im Zwang, gewinnen zu müssen, überambitioniert (dumm?) behandelt und eine -gelinde gesagt - anrüchige Variante gewählt. Die Kiebitze hat es vielleicht gefreut, doch so ein richtig gutes Bauchgefühl wollte sich bei mir nicht einstellen. Glücklicherweise kannte mein Gegner nicht die beste Fortsetzung - und schwups, da war es ein Bauer mehr für mich. Und wie sagt man so schön - der Rest ist doch eine Sache guter Technik... Abschalten und nicht mehr richtig rechnen, die Gefahr nicht erkennen und schon fängt man an, nicht einmal die elementarsten Entwicklungsregeln zu befolgen.
Schwarz hätte diverse sinnvolle Züge zur Hand gehabt: 1...Ld6, 1...Tb8, 1...d5 von mir aus auch 1...a6. Doch stattdessen entkorkte ich
1...Ta4?!, was dem Turm sicher nicht gefallen haben wird. Natürlich hatte ich nur mit 2.a3 gerechnet, wonach ich mit 2...La6 plante, fortzufahren: Weissfelder tauschen, c5 spielen und Turm via a6 nach e6 bringen. Dann noch Kd8, The8 und alles ist super. Alles harmonisch, alles gut. Weiss allerdings war schlauer als ich, spielte a tempo
2.Kb1!, wonach ich fast mit 2...La6? 3.b3! wirklich in Probleme gekommen wäre. Doch auch der folgende Zug war mitunter.... grauenvoll:
2...a6?.
Einen Klassenunterschied gab es: Schwarz spielte die Eröffnung wie ein Kind. Wie der seit der D(J)EM 2010 berüchtigte Toaster. Und Weiss machte einfach vieles nach dem Bauernverlust richtig.
Was kann man sich dabei eigentlich denken, 2...a6 zu spielen? Eigentlich eine sehr faire Frage, zumal mir während der Partie klar war, dass das schlecht sein musste, aber den a-Bauern auf a7 stehen zu lassen, schien auch gefährlich. Und wenn es nur der a-Bauer gewesen wäre. Der eigene Turm auf a4 hat ja auch keine richtigen Felder mehr. Die einzig sinnvolle Route nach hause führt voller Überraschung über ... b4! Ich hatte schon Horrorszenarien beginnend mit 3.c4 ausgemalt, bei denen der einsame Streiter eingefangen wird. Alles nicht schön. Doch auch nach dem natürlichen
3.Ld3 hätte ich viel viel lieber Weiss gehabt.
Dass am Ende die Partie noch zu meinen Gunsten kippte, lag, so muss man fairerweise einräumen, auch nicht an mir: Jean Louis opferte später Bauern, für die er keine Kompensation bekam. Er versäumte gute Möglichkeiten, mich und vor allem den einsam streunenden Turm zu nerven - da hätte es richtig eng werden können.
Was halten wir fest: Es kommen noch zwei talentierte HSK-Jugendliche. Und diese Partien werden kein Kindergeburtstag, denn die Jungs sind nicht nur richtig gut, sondern vermutlich auch heiss auf volle Punkte.